Von allerlei Krankheiten
Januar 24th, 2012- Friedhof Obidos
- Friedhof Belém
- Friedhof Belém I
- Friedhof Belém II
- Ein letztes Kreuz
- Eine letzte Ruhestätte
- Kreuze, Friedhof Belém
- Mörderischer Marathon mit vielen Verletzten
- Votivgaben für geheilte Körperteile
- Votivgabe
- Jüdischer Friedhof, Obidos
- Friedhof, Obidos
Der Anruf kam ganz unerwartet. Die Tochter einer Bekannten war auf die spleenige Idee verfallen, den ganzen Amazonas hoch bis zur peruanischen Grenze zu schippern, und das im normalen Linienboot! Eine Reise, die wohl grob geschätzt so um die 40 Tage dauert. Hatte sich auf dem riesigen Strom, eher ein Meer, schon ein paar Tage flussaufwärts tragen lassen. Als wichtigstes und billigstes Verkehrsmittel sind die Boote oft weit über ihre Kapazität vollgestopft, gleichen wimmelnden Ameisenhaufen. Sie transportieren einfach alles, Menschen, Fernseher, immer die neuesten Modelle oder die hochbegehrten Motorräder, Tiere. Jedem Passagier stehen zwei feste Haken für seine Hängematte zu. Eng spannen sie sich Tag und Nacht nebeneinander aus, malerisch farbig, ich und zwei-, dreihundert andere Mitpassagiere. Ein untätiges Leben, ohne jegliche Privatsphäre, verbringt man die Reise doch mehrheitlich, tags wie nachts, bei Sonne oder Regen, in seiner leise schaukelnden „Hängematten-Kabine“. Döst vor sich hin, ruht aus, schläft ein bisschen, falls einem weder das unablässige Geplauder, die unerwartete Kühle der Nacht, – für die Hängematte nie die äußeren Hacken aussuchen, da wird es wirklich kalt – noch das Schnarchen, die Seufzer oder die Albträume der anderen Passagiere etwas ausmachen, oder einem das ständige Murren des Motors oder die pünktlich und sintflutartig niederprasselnden Regen auf die Nerven gehen.
Leider sah sich unsere Passagierin gezwungen, das Schiff schon nach ein paar Tagen zu verlassen. Ihr rechtes Bein war unheimlich angeschwollen, monströs und beunruhigend. So wurde sie gleich ins beste Krankenhaus des Ortes eingeliefert. Per Telefon sofort um drei Ecken herum lokale Bekannte von Bekannten mobilisiert, die sie auch umgehend am Krankenbett besuchten. Damit sicherstellten, dass alle nötigen Vorkehrungen und Untersuchungen vorgenommen worden waren. Trotzdem kam der Rat sofort und von allen Seiten: die beste Medizin sei immer noch der nächste Flug nach São Paulo! Beileibe kein schlechter lokaler Witz – mit tropischen Krankheiten spielt man nicht!
Viele berühmte und unendlich viele andere unbekannte Tropenreisende erfuhren das früher bitter am eigenen Leib. Als nämlich zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Europa eine wahre Übersee-Euphorie ausbrach, die brasilianischen Grenzen wurden endlich für andere Länder geöffnet, schickte der bayrische König Maximilian I. 1817, zusammen mit anderen Gelehrten und Naturforschern Johann Baptist Spix und Carl Friedrich Philipp von Martius, nach Brasilien, auch in den Amazonas. Sie befanden sich im Gefolge der Erzherzogin Leopoldina von Österreich – sie war dem späteren brasilianischen Kaiser Dom Pedro I, angeheiratet worden und reiste nun zu ihm nach Brasilien. Dem Reisebericht von Spix und von Martius zufolge erkrankten die beiden in Maranhão schwer, wurden, in dauerndem Fieber und Fantasien liegend, von Schwarzen in die nächste Stadt getragen. Wieder genesen, vertrauten sie sich später, schon tief im Amazonas, gegenseitig einen Letzten Willen an, bevor sich ihre Wege trennten. Sich in unbekannte Tropen vorzuwagen, war ein lebensgefährliches Abenteuer, das einem problemlos das Leben kosten konnte. Nicht von ungefähr war es zum Beispiel bis zum Zweiten Weltkrieg gar nicht so einfach, kompetente Forscher in den Amazonas zu locken. Zu groß war die Angst, wie viele andere, in den ersten paar Tagen von einer heimtückischen Tropenkrankheit dahingerafft zu werden, denen besonders weiße Europäer wie die Fliegen zum Opfer zu fallen schienen. Zwar hatte Louis Pasteur schon 1850 die Bakterien entdeckt, aber erst im Jahre 1900 wurden in Kuba die ersten Tests durchgeführt, die die bis dahin unvorstellbare Idee bewiesen, dass es weder schlechte Gerüche noch fehlende Hygiene waren, sondern ein einfacher Moskito, der das tödliche Gelbfieber und die gefürchtete Malaria übertrug. So galt um 1900 die damalige Hauptstadt Brasiliens, Rio de Janeiro, als hochriskanter, todbringender Aufenthaltsort. Nur um 1906 gelangt es Oswaldo Cruz, einem jungen Arzt mit geradezu revolutionären Ideen, er hatte bei Pasteur in Paris studiert, mit einer spektakulären Antimoskitoaktion Rio de Janeiro von seinen ständig wiederkehrenden mörderischen Gelbfieberepidemien zu befreien.
Nur am Rande sei erwähnt, dass nicht nur die Weißen in ihrer Europazentriertheit litten. Als besonders infame Kolonialisierungstechnik, sozusagen eine biologische Kriegsführung, wurden simple Grippe und Pockenviren eingesetzt. Sie dezimierten und dezimieren bis heute wehrlose Indiostämme, die gegen keine dieser Krankheiten Abwehrkräfte haben und einmal angesteckt, wie die Fliegen dahinsterben.
Viele Tropenkrankheiten unterliegen komplexen Zyklen, brauchen zur Übertragung einen Zwischenwirt, oft lästige, winzige, aber gerade deshalb niemals zu unterschätzende Insekten. Infizierte Moskitos, Sandfliegen, Flöhe und Zecken übertragen mit ihrem blutsaugenden Stich oder Biss jene Parasiten, Einzeller, Wechseltierchen oder Viren, die uns ganz schnell stilllegen können, oder gar umbringen. Mit der Entdeckung des Penicillins 1928 durch Alexander Fleming und den heutigen Antibiotika gibt es zwar heute wirksame Waffen gegen die Bakterien. Doch gegen Viren existiert bis heute nichts Vergleichbares. Besonders Touristen sollten dem schlechten Witz mit dem nächsten Flugzeug deshalb, falls möglich, Folge leisten. Krankenhäuser im Norden des Landes haben, trotz oder vielleicht wegen des kostenlosen, öffentlichen Gesundheitssystems, das allen, ohne einen Pfennig zu bezahlen, Behandlung und Versorgung im Krankheitsfall garantiert, keinen guten Ruf. Nichts ist dem Heilungsprozess abdinglicher, als wenn man die Sprache nicht spricht, die lokalen Gewohnheiten nicht kennt und schon ein ungewohntes Essen unliebsame Folgen haben kann. Noch wichtiger ist Vorsorgen. Gegen Gelbfieber gibt es eine Impfung, Malaria ist heute heilbar. Aber wenn die Symptome atypisch sind oder der Patient sich ganz einfach nicht hat impfen lassen, hilft auch der beste Arzt nicht. Bis heute gibt es weder für tödliches Gelbfieber noch für Dengue heilende Medikamente. Außerdem sind Tropenkrankheiten nicht immer eindeutig zu diagnostizieren. Die Symptome des Gelbfiebers, der Malaria und von Dengue scheinen sich ziemlich zu gleichen, werden zudem im Anfangsstadium oft als einfache Grippe abgetan.
Neben den sozusagen gängigen Tropenkrankheiten trifft man nicht nur in Brasiliens Norden bis heute auf uralte Leiden, wirkliche Geiseln der Menschheit: Tuberkulose, leider wieder auf dem Vormarsch, alle Typen von Hepatitis und die schreckliche Hansenasia, Lepra. Auf unvorsichtig unglückliche Abenteuertouristen lauern auch die typischen tropischen Krankheiten Leishmaniose, Esquistosomose und die Doença de Chagas. Armeleute-Krankheiten, bis heute wenig erforscht – wie soll man auch mit den Armen die in die Medikamentenforschung investierten Milliarden wieder hereinverdienen. Zudem werden solche Arme-Leute-Krankheiten bei Touristen nicht, oder nur sehr spät diagnostiziert. Kein Arzt vermutet sie in solch privilegiertem Umfeld. Wer aber Anhänger von Radikalsportarten ist, Abenteuertourismus, Trekking, Rafting und Rivering wagt, sich dabei als unschuldiger Abenteuertourist des Nervenkitzels oder Naturerlebnisses wegen mitten in den Dschungel wagt, setzt sich unerwarteten Risiken aus – ein Insektenstich beim Wildcampen und Schlafen ohne Moskitonetz genügt. Eher ungewöhnlich sei es dagegen, von einer Schlange oder einem Skorpion gebissen zu werden. Was vielleicht nicht alle wissen – auch Spinnen, nicht nur die fürchterlichen Taranteln, beißen und bringen dabei ihr Gift in den Blutkreislauf. So war es ein Spinnenbiss, der schließlich bei unserer Patientin vom Anfang der Geschichte diagnostiziert wurde. Solche Bisse können schreckliche allergische Reaktionen, Atembeschwerden usw. auslösen, und oft bleiben sie gar unbemerkt, bis sich dann Stunden später schmerzhaft manifestieren, dann nämlich, wenn das mit dem Biss zusammen injektierte Betäubungsmittel abklingt. Die lokale Bevölkerung schüttelt alle Kleider vor dem Anziehen gründlich aus, und klopft die Schuhe, heraus, liebe Insekten, vor dem Anziehen kräftig auf den Boden. Wunderschön grellfarbene Raupen oder solche mit langen Haaren sollte man nie berühren. Streift man, auch ohne es zu bemerken, an ihnen vorbei, können deren Nesselhaare ziemlich unangenehme Hautverbrennungen auslösen. Nehmen Sie sich auch vor Tausendfüßlern und den tropischen Ameisen in acht! Manche Indiostämme benutzen die 24-Stunden-Ameise, so lange soll ihr Stich oder Schnitt schmerzen, in ihren unzimperlichen Initiationsritualen.
Auch tropische Gewässer sind nicht über alle Zweifel erhaben. Fragen Sie besser die Einheimischen. Tritt man auf den imponierenden Stachelrochen, wehrt er sich. Pärchenegel übertragen den Schistosomiasiserreger und die vielen Insektenstiche, kleine Schnittwunden und Schürfungen heilen in ständigem Kontakt mit Wasser schlecht ab und können zu bösen Infektionen oder allergischen Reaktionen führen. Weniger dramatisch, aber dafür besonders eklig sind jene Parasiten, die sich unter der Haut einnisten. Das „Bicho do Pé“, das Fußtierchen legt man sich am Strand oder auf dem Land zu. Es nistet sich am liebsten zwischen den Zehen ein und juckt schrecklich. Auch „Bernes“, halbmondförmige, bleiche, wenig appetitlichen Larven bestimmter Riesenfliegen gibt es überall. Einmal auf der Haut, bohren sie sich bis zur Fettschicht vor, wo sie sich bis zum Ausschlüpfen ernähren. Schlimmer wohl nur die „Mosca Varejeira“, eine Fliege, die ihre Eier mit Vorliebe in kleine, schon bestehende Wunden legt, wo sie sich in kürzester Zeit in wimmelnde Larven verwandeln. Seien Sie auch bei einem neuen Leberfleck misstrauisch – hat er vielleicht beim sehr genau Hinsehen winzige Beinchen? – Verdammte Zecke! Man holt sie sich am sichersten auf Kuhweiden oder von Pferden. Beten Sie, dass es nur tagelang juckt, denn er hätte ja auch mit „Febre Maculosa“, ein heimtückisches Fieber, das wie eine normale Grippe beginnt und nicht diagnostiziert, gar tödlich enden kann, infiziert sein können. Zwei lokale Wundermittel gibt es gegen kleine Wunden auf jedem Markt zu kaufen: Andirobaöl heilt Insektenstiche und Copaibaharz bringt bei der Wundheilung wahre Wunder fertig. Beide werden hier im Amazonas seit Jahrhunderten angewendet.
Auch in den Häusern lauern unbekannte Gefahren. Die „Doença de Chagas“ wird von einem Käfer übertragen, der Raubwanze, hier in Brasilien „Barbeiro“ genannt, der menschliches Blut mag und sich gerne in mit einfachen Materialien gebauten Häusern einnistet. Ein wenig erfreuliches Szenarium, besonders falls man naturnah und billig reisen möchte. Das obligate Moskitonetz – zum Schlafen immer unter die Matratze stecken! – gibt es auch für Hängematten, im Dschungel lohnt es sich, trotz der Hitze lange Hosen, lange Ärmel und festgeschnürte, geschlossene Schuhe zu tragen.
Andere Parasiten wie Amöben, Wechseltierchen und die unwahrscheinlichsten Wurmeier, auch einige Auslöser der Hepatitis, nimmt man mit infiziertem Wasser zu sich, im Salat oder in schlecht gewaschenen Früchten, wohl das populärste Horrorszenarium. Folgen Sie dem Rat der Engländer: -„Peel it, boil it, or forget it!“ – und auch gesunder Menschenverstand empfiehlt sich. Wen es doch erwischt: Durchfall wird hier in Brasilien in leichten Fällen mit Kokoswasser, Knoblauchpillen und anderen Hausmitteln und hausgemachtem oder fertig gekauftem „Soro“, einer Elektrolytlösung abgeholfen, in schwereren Fällen gehen die Leute aber meist gleich ins Krankenhaus. Da bekommen Sie den selben „Soro“ intravenös, da hier, besonders bei Babys und alten Leuten der Hitze wegen sehr schnell die Gefahr des Austrocknens besteht.
Falls Sie es bis hierher geschafft haben, will ich Ihnen auch die neuesten Horrorszenarien nicht vorenthalten. Der amazonische Regenwald, auf der einen Seite als unerschöpfliche Quelle für die unwahrscheinlichsten, noch zu entdeckenden und entwickelnden Medikamente hochgelobt, kann auf der anderen Seite zur tödlichen Falle werden. Ein harmloser Mückenstich, der sich entzündet und dann mit einem unbekannten Bazillus infiziert, gar einem Pilz, einem Virus, oder solche zusammen mit nicht gut durchgegartem Essen zu sich genommen, können den sicheren Tod oder den Auslöser für eine neue Geisel der Menschheit oder Seuchen bedeuten. Der amazonische Regenwald hält, besonders da wo er noch so gut wie unberührt ist, unvorstellbare Risiken bereit, die nur dann freigesetzt werden, wenn ihm die Menschen auf die Pelle rücken, ihn roden, ihn sich untertan machen wollen. In den wilden Wäldern und seinen Wassern lauern neue, unbekannte Viren, die bis heute keinen Kontakt mit Menschen und deren Zivilisation hatten. Die Viren Ebola und Aids stammen, soviel weiß man heute, von kranken Tieren, die auf irgendeine Weise, vielleicht als schlecht gekochte Jagdbeute, mit Menschen in Kontakt traten, und sich dann an unseren Organismus anpassten.
Bleiben Sie deshalb im Zweifel auf ausgelatschten Touristenpfaden. Sie brauchen allerdings nicht so weit zu gehen, wie die ältere Japanerin, Teilnehmerin einer Kreuzfahrt auf dem Amazonas, von der sie mir erzählten. Sie verließ das Schiff für die wenigen, begleiteten und bestens organisierten Landausflüge nur in einer Art Uniform, die mit ihrem Schleier und den Handschuhen wohl eher an einen Bienenzüchter erinnerte, der sich gegen einen wild gewordenen Bienenstock verteidigen musste. Die Arme wird wohl ziemlich gelitten haben – in ihrem Fall ist wohl die tropische Hitze zum nicht zu unterschätzenden Feind geworden.






















































































































