Alltag im Amazonas

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Aus dem Inneren des größten Regenwalds der Erde

Von allerlei Krankheiten

Januar 24th, 2012

Der Anruf kam ganz unerwartet. Die Tochter einer Bekannten war auf die spleenige Idee verfallen, den ganzen Amazonas hoch bis zur peruanischen Grenze zu schippern, und das im normalen Linienboot! Eine Reise, die wohl grob geschätzt so um die 40 Tage dauert. Hatte sich auf dem riesigen Strom, eher ein Meer, schon ein paar Tage flussaufwärts tragen lassen. Als wichtigstes und billigstes Verkehrsmittel sind die Boote oft weit über ihre Kapazität vollgestopft, gleichen wimmelnden Ameisenhaufen. Sie transportieren einfach alles, Menschen, Fernseher, immer die neuesten Modelle oder die hochbegehrten Motorräder, Tiere. Jedem Passagier stehen zwei feste Haken für seine Hängematte zu. Eng spannen sie sich Tag und Nacht nebeneinander aus, malerisch farbig, ich und zwei-, dreihundert andere Mitpassagiere. Ein untätiges Leben, ohne jegliche Privatsphäre, verbringt man die Reise doch mehrheitlich, tags wie nachts, bei Sonne oder Regen, in seiner leise schaukelnden „Hängematten-Kabine“. Döst vor sich hin, ruht aus, schläft ein bisschen, falls einem weder das unablässige Geplauder, die unerwartete Kühle der Nacht, – für die Hängematte nie die äußeren Hacken aussuchen, da wird es wirklich kalt – noch das Schnarchen, die Seufzer oder die Albträume der anderen Passagiere etwas ausmachen, oder einem das ständige Murren des Motors oder die pünktlich und sintflutartig niederprasselnden Regen auf die Nerven gehen.

Leider sah sich unsere Passagierin gezwungen, das Schiff schon nach ein paar Tagen zu verlassen. Ihr rechtes Bein war unheimlich angeschwollen, monströs und beunruhigend. So wurde sie gleich ins beste Krankenhaus des Ortes eingeliefert. Per Telefon sofort um drei Ecken herum lokale Bekannte von Bekannten mobilisiert, die sie auch umgehend am Krankenbett besuchten. Damit sicherstellten, dass alle nötigen Vorkehrungen und Untersuchungen vorgenommen worden waren. Trotzdem kam der Rat sofort und von allen Seiten: die beste Medizin sei immer noch der nächste Flug nach São Paulo! Beileibe kein schlechter lokaler Witz – mit tropischen Krankheiten spielt man nicht!

Viele berühmte und unendlich viele andere unbekannte Tropenreisende erfuhren das früher bitter am eigenen Leib. Als nämlich zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Europa eine wahre Übersee-Euphorie ausbrach, die brasilianischen Grenzen wurden endlich für andere Länder geöffnet, schickte der bayrische König Maximilian I. 1817, zusammen mit anderen Gelehrten und Naturforschern Johann Baptist Spix und Carl Friedrich Philipp von Martius, nach Brasilien, auch in den Amazonas. Sie befanden sich im Gefolge der Erzherzogin Leopoldina von Österreich – sie war dem späteren brasilianischen Kaiser Dom Pedro I, angeheiratet worden und reiste nun zu ihm nach Brasilien. Dem Reisebericht von Spix und von Martius zufolge erkrankten die beiden in Maranhão schwer, wurden, in dauerndem Fieber und Fantasien liegend, von Schwarzen in die nächste Stadt getragen. Wieder genesen, vertrauten sie sich später, schon tief im Amazonas, gegenseitig einen Letzten Willen an, bevor sich ihre Wege trennten. Sich in unbekannte Tropen vorzuwagen, war ein lebensgefährliches Abenteuer, das einem problemlos das Leben kosten konnte. Nicht von ungefähr war es zum Beispiel bis zum Zweiten Weltkrieg gar nicht so einfach, kompetente Forscher in den Amazonas zu locken. Zu groß war die Angst, wie viele andere, in den ersten paar Tagen von einer heimtückischen Tropenkrankheit dahingerafft zu werden, denen besonders weiße Europäer wie die Fliegen zum Opfer zu fallen schienen. Zwar hatte Louis Pasteur schon 1850 die Bakterien entdeckt, aber erst im Jahre 1900 wurden in Kuba die ersten Tests durchgeführt, die die bis dahin unvorstellbare Idee bewiesen, dass es weder schlechte Gerüche noch fehlende Hygiene waren, sondern ein einfacher Moskito, der das tödliche Gelbfieber und die gefürchtete Malaria übertrug. So galt um 1900 die damalige Hauptstadt Brasiliens, Rio de Janeiro, als hochriskanter, todbringender Aufenthaltsort. Nur um 1906 gelangt es Oswaldo Cruz, einem jungen Arzt mit geradezu revolutionären Ideen, er hatte bei Pasteur in Paris studiert, mit einer spektakulären Antimoskitoaktion Rio de Janeiro von seinen ständig wiederkehrenden mörderischen Gelbfieberepidemien zu befreien.

Nur am Rande sei erwähnt, dass nicht nur die Weißen in ihrer Europazentriertheit litten. Als besonders infame Kolonialisierungstechnik, sozusagen eine biologische Kriegsführung, wurden simple Grippe und Pockenviren eingesetzt. Sie dezimierten und dezimieren bis heute wehrlose Indiostämme, die gegen keine dieser Krankheiten Abwehrkräfte haben und einmal angesteckt, wie die Fliegen dahinsterben.

Viele Tropenkrankheiten unterliegen komplexen Zyklen, brauchen zur Übertragung einen Zwischenwirt, oft lästige, winzige, aber gerade deshalb niemals zu unterschätzende Insekten. Infizierte Moskitos, Sandfliegen, Flöhe und Zecken übertragen mit ihrem blutsaugenden Stich oder Biss jene Parasiten, Einzeller, Wechseltierchen oder Viren, die uns ganz schnell stilllegen können, oder gar umbringen. Mit der Entdeckung des Penicillins 1928 durch Alexander Fleming und den heutigen Antibiotika gibt es zwar heute wirksame Waffen gegen die Bakterien. Doch gegen Viren existiert bis heute nichts Vergleichbares. Besonders Touristen sollten dem schlechten Witz mit dem nächsten Flugzeug deshalb, falls möglich, Folge leisten. Krankenhäuser im Norden des Landes haben, trotz oder vielleicht wegen des kostenlosen, öffentlichen Gesundheitssystems, das allen, ohne einen Pfennig zu bezahlen, Behandlung und Versorgung im Krankheitsfall garantiert, keinen guten Ruf. Nichts ist dem Heilungsprozess abdinglicher, als wenn man die Sprache nicht spricht, die lokalen Gewohnheiten nicht kennt und schon ein ungewohntes Essen unliebsame Folgen haben kann. Noch wichtiger ist Vorsorgen. Gegen Gelbfieber gibt es eine Impfung, Malaria ist heute heilbar. Aber wenn die Symptome atypisch sind oder der Patient sich ganz einfach nicht hat impfen lassen, hilft auch der beste Arzt nicht. Bis heute gibt es weder für tödliches Gelbfieber noch für Dengue heilende Medikamente. Außerdem sind Tropenkrankheiten nicht immer eindeutig zu diagnostizieren. Die Symptome des Gelbfiebers, der Malaria und von Dengue scheinen sich ziemlich zu gleichen, werden zudem im Anfangsstadium oft als einfache Grippe abgetan.

Neben den sozusagen gängigen Tropenkrankheiten trifft man nicht nur in Brasiliens Norden bis heute auf uralte Leiden, wirkliche Geiseln der Menschheit: Tuberkulose, leider wieder auf dem Vormarsch, alle Typen von Hepatitis und die schreckliche Hansenasia, Lepra. Auf unvorsichtig unglückliche Abenteuertouristen lauern auch die typischen tropischen Krankheiten Leishmaniose, Esquistosomose und die Doença de Chagas. Armeleute-Krankheiten, bis heute wenig erforscht – wie soll man auch mit den Armen die in die Medikamentenforschung investierten Milliarden wieder hereinverdienen. Zudem werden solche Arme-Leute-Krankheiten bei Touristen nicht, oder nur sehr spät diagnostiziert. Kein Arzt vermutet sie in solch privilegiertem Umfeld. Wer aber Anhänger von Radikalsportarten ist, Abenteuertourismus, Trekking, Rafting und Rivering wagt, sich dabei als unschuldiger Abenteuertourist des Nervenkitzels oder Naturerlebnisses wegen mitten in den Dschungel wagt, setzt sich unerwarteten Risiken aus – ein Insektenstich beim Wildcampen und Schlafen ohne Moskitonetz genügt. Eher ungewöhnlich sei es dagegen, von einer Schlange oder einem Skorpion gebissen zu werden. Was vielleicht nicht alle wissen – auch Spinnen, nicht nur die fürchterlichen Taranteln, beißen und bringen dabei ihr Gift in den Blutkreislauf. So war es ein Spinnenbiss, der schließlich bei unserer Patientin vom Anfang der Geschichte diagnostiziert wurde. Solche Bisse können schreckliche allergische Reaktionen, Atembeschwerden usw. auslösen, und oft bleiben sie gar unbemerkt, bis sich dann Stunden später schmerzhaft manifestieren, dann nämlich, wenn das mit dem Biss zusammen injektierte Betäubungsmittel abklingt. Die lokale Bevölkerung schüttelt alle Kleider vor dem Anziehen gründlich aus, und klopft die Schuhe, heraus, liebe Insekten, vor dem Anziehen kräftig auf den Boden. Wunderschön grellfarbene Raupen oder solche mit langen Haaren sollte man nie berühren. Streift man, auch ohne es zu bemerken, an ihnen vorbei, können deren Nesselhaare ziemlich unangenehme Hautverbrennungen auslösen. Nehmen Sie sich auch vor Tausendfüßlern und den tropischen Ameisen in acht! Manche Indiostämme benutzen die 24-Stunden-Ameise, so lange soll ihr Stich oder Schnitt schmerzen, in ihren unzimperlichen Initiationsritualen.

Auch tropische Gewässer sind nicht über alle Zweifel erhaben. Fragen Sie besser die Einheimischen. Tritt man auf den imponierenden Stachelrochen, wehrt er sich. Pärchenegel übertragen den Schistosomiasiserreger und die vielen Insektenstiche, kleine Schnittwunden und Schürfungen heilen in ständigem Kontakt mit Wasser schlecht ab und können zu bösen Infektionen oder allergischen Reaktionen führen. Weniger dramatisch, aber dafür besonders eklig sind jene Parasiten, die sich unter der Haut einnisten. Das „Bicho do Pé“, das Fußtierchen legt man sich am Strand oder auf dem Land zu. Es nistet sich am liebsten zwischen den Zehen ein und juckt schrecklich. Auch „Bernes“, halbmondförmige, bleiche, wenig appetitlichen Larven bestimmter Riesenfliegen gibt es überall. Einmal auf der Haut, bohren sie sich bis zur Fettschicht vor, wo sie sich bis zum Ausschlüpfen ernähren. Schlimmer wohl nur die „Mosca Varejeira“, eine Fliege, die ihre Eier mit Vorliebe in kleine, schon bestehende Wunden legt, wo sie sich in kürzester Zeit in wimmelnde Larven verwandeln. Seien Sie auch bei einem neuen Leberfleck misstrauisch – hat er vielleicht beim sehr genau Hinsehen winzige Beinchen? – Verdammte Zecke! Man holt sie sich am sichersten auf Kuhweiden oder von Pferden. Beten Sie, dass es nur tagelang juckt, denn er hätte ja auch mit „Febre Maculosa“, ein heimtückisches Fieber, das wie eine normale Grippe beginnt und nicht diagnostiziert, gar tödlich enden kann, infiziert sein können. Zwei lokale Wundermittel gibt es gegen kleine Wunden auf jedem Markt zu kaufen: Andirobaöl heilt Insektenstiche und Copaibaharz bringt bei der Wundheilung wahre Wunder fertig. Beide werden hier im Amazonas seit Jahrhunderten angewendet.

Auch in den Häusern lauern unbekannte Gefahren. Die „Doença de Chagas“ wird von einem Käfer übertragen, der Raubwanze, hier in Brasilien „Barbeiro“ genannt, der menschliches Blut mag und sich gerne in mit einfachen Materialien gebauten Häusern einnistet. Ein wenig erfreuliches Szenarium, besonders falls man naturnah und billig reisen möchte. Das obligate Moskitonetz – zum Schlafen immer unter die Matratze stecken! – gibt es auch für Hängematten, im Dschungel lohnt es sich, trotz der Hitze lange Hosen, lange Ärmel und festgeschnürte, geschlossene Schuhe zu tragen.

Andere Parasiten wie Amöben, Wechseltierchen und die unwahrscheinlichsten Wurmeier, auch einige Auslöser der Hepatitis, nimmt man mit infiziertem Wasser zu sich, im Salat oder in schlecht gewaschenen Früchten, wohl das populärste Horrorszenarium. Folgen Sie dem Rat der Engländer: -„Peel it, boil it, or forget it!“ – und auch gesunder Menschenverstand empfiehlt sich. Wen es doch erwischt: Durchfall wird hier in Brasilien in leichten Fällen mit Kokoswasser, Knoblauchpillen und anderen Hausmitteln und hausgemachtem oder fertig gekauftem „Soro“, einer Elektrolytlösung abgeholfen, in schwereren Fällen gehen die Leute aber meist gleich ins Krankenhaus. Da bekommen Sie den selben „Soro“ intravenös, da hier, besonders bei Babys und alten Leuten der Hitze wegen sehr schnell die Gefahr des Austrocknens besteht.

Falls Sie es bis hierher geschafft haben, will ich Ihnen auch die neuesten Horrorszenarien nicht vorenthalten. Der amazonische Regenwald, auf der einen Seite als unerschöpfliche Quelle für die unwahrscheinlichsten, noch zu entdeckenden und entwickelnden Medikamente hochgelobt, kann auf der anderen Seite zur tödlichen Falle werden. Ein harmloser Mückenstich, der sich entzündet und dann mit einem unbekannten Bazillus infiziert, gar einem Pilz, einem Virus, oder solche zusammen mit nicht gut durchgegartem Essen zu sich genommen, können den sicheren Tod oder den Auslöser für eine neue Geisel der Menschheit oder Seuchen bedeuten. Der amazonische Regenwald hält, besonders da wo er noch so gut wie unberührt ist, unvorstellbare Risiken bereit, die nur dann freigesetzt werden, wenn ihm die Menschen auf die Pelle rücken, ihn roden, ihn sich untertan machen wollen. In den wilden Wäldern und seinen Wassern lauern neue, unbekannte Viren, die bis heute keinen Kontakt mit Menschen und deren Zivilisation hatten. Die Viren Ebola und Aids stammen, soviel weiß man heute, von kranken Tieren, die auf irgendeine Weise, vielleicht als schlecht gekochte Jagdbeute, mit Menschen in Kontakt traten, und sich dann an unseren Organismus anpassten.

Bleiben Sie deshalb im Zweifel auf ausgelatschten Touristenpfaden. Sie brauchen allerdings nicht so weit zu gehen, wie die ältere Japanerin, Teilnehmerin einer Kreuzfahrt auf dem Amazonas, von der sie mir erzählten. Sie verließ das Schiff für die wenigen, begleiteten und bestens organisierten Landausflüge nur in einer Art Uniform, die mit ihrem Schleier und den Handschuhen wohl eher an einen Bienenzüchter erinnerte, der sich gegen einen wild gewordenen Bienenstock verteidigen musste. Die Arme wird wohl ziemlich gelitten haben – in ihrem Fall ist wohl die tropische Hitze zum nicht zu unterschätzenden Feind geworden.

Beim Bart des Heiligen Petrus

November 26th, 2011

Beim ersten Besuch scheint es ein Haus wie jedes andere, mitten in der eher schlecht erhaltenen Altstadt. Man lost mich durch die Hintertür, fast falle ich die paar paar Stufen runter, direkt in den rundum überdeckten Hof. Er ist total gepflastert und verbaut. Rechter Hand gibt es eine riesige, offene Freiluftküche. Eine großzügige Spühle, übers Eck ein enormer Kochherd mit mindestens sechs Gasbrennern. Gleich anschließend, von einer niederen Mauer abgetrennt, ein massiver Tisch mit buntem Wachstuch. In offenen Regalen riesige Töpfe, auch sie in überraschenden Dimensionen, alle aus blitz-blank geriebenem Aluminium. In solchen Pfannen kann man nur mit sehr viel Fett oder Flüssigkeit kochen, sonst brennt ganz schnell alles an. Emsiges Treiben. Gleich zwei Empregadas schneiden, rühren, brühen das Mittagessen, das aus leckerem Reis mit Ente, es schwimmen gleich mehrere davon im dunklen Sud, und gegrilltem Pirarucu, ein paar riesigen, grätenlosen Fischfilets, besteht. Letzteres zischt und singt schon länger über der rotglühenden Glut eines einfachen Holzofengrills, linkerhand, gleich unter der Stange des wunderschön roten Papageis. Der überwacht alles mit streng argwöhnischem Blick. Fremde mag er gar nicht. Genauso aufmerksam, aber weniger streng ist der Blick der Gastgeberin, eine angejahrte Senhora. Sie rührt zwar keinen Finger, verfolgt das ganze Kochprozedere aber genau. Auch ihre Tochter gibt Tipps. Vor der habe sie, gesteht mir ihre Mutter später im Geheimen, ganz viel Respekt, die sei doch Bankfilialleiterin der brasilianischen Staatsbank gewesen, da in Rio de Janeiro, bevor sie sich mit kaum Fünfzig und einer ausgezeichneten Rente zur Ruhe setzte, und jetzt halb im Amazonas und halb in Rio lebt. So langsam erscheinen immer mehr Leute. Die Riesenportionen wollen verspiesen werden. Die Tochter ist federführend, ist hier und heute so energisch und durchsetzungswillig wie immer. Revanchiert sich hinter dem Rücken der Mutter, indem sie mir ihrereseit deren Geheimnisse erzählt. Die leide an Diabetes, sollte deshalb verschiedene Dinge nicht mehr essen. Kürzlich habe sie sie aber dabei erwischt, wie sie ganz einfach im Margarineschächtelchen die grausliche Margarine zur Seite geschoben habe und mit wunderbar hausgemachter Butter aufgefüllt habe. Hier nennt man sowas “comer pelas barbas do São Pedro”. Durch den Bart des heiligen Petrus essen.

Sie habe nie geheiratet, eher ungewöhnlich, was sie aber nicht zu stören scheint. Flößt mit ihren klaren, modern Ansichten nicht nur der Mutter, sondern auch der ganzen Tischrunde, unter anderem ein Ex-Kultursekretär der Stadt und ein Kandidat für das Bügermeisteramt, Respekt ein. Die zwei Empregadas haben deutlich indigene Züge, wie übrigens auch der Ex-Kultursekretär, dessen Che Guevara-T-Shirt und schulterlangen Locken auf einen späten, amazonischen 68-er schließen lassen. Sein Diskurs, genauso wie der Diskurs des Kandidaten, ist total amazonisch. Wunderschöne Worte, Projekte, die so gigantisch sind wie der Amazons selber, ewig nostalgisch gute alte Zeiten heraufbeschwörend, sich schon deshalb in Unverbindlichkeiten festfahrend.

Beim zweiten Besuch wird mir endlich klar, wieso mich der Taxifahrer gleich beim Nennen der Adresse um Grade respektvoller behandelte. Beim zweiten Besuch lotst man mich nämlich durch die Vordertür. Oder besser, durchs Schreibzimmer des hiesigen “Cartórios” in den Hof. Dem “Cartório” kommt in jeder brasilianischen Stadt eine Schlüsselstellung zu. Hier werden Dokumente beglaubigt, Geburten, standesamtliche Hochzeit und Todefälle offiziell registriert, Hauskäufe und Verkäufe und Vollmachten und Testamente hinterlegt. Alles natürlich gegen entsprechende Gebühr. Die ganzen Dienstleistungen sind rechtsgültig. Traditionellerweise wird die Pfründe Cartório aber einer Privatperson übergeben, hat einen Besitzer, dessen Einkommen sozusagen staatlich garantiert ist. Meine Gastgeberin, die ältere Lady und ihre Familie sind also Besitzerin des wohl wichtigsten Organs der Stadt, eine Schlüsselposition!

Auch wenn ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen, kostet es mich einige Überwindung, die Schranke des Cartóriotressen zu ignorienen und mich einfach durch den schmalen Durchgang zu schieben. Quetsche mich an zwei wartenden Einheimischen im Sonntagsstaat vorbei. Sie sitzen ganz gerade und unbequem auf zwei schmalen Bänkchen. Halten ihre Identitätskarten und andere Dokumente steif vor sich hin. Upps, nun freundlich nickend an den Angestellten vorbei. Der nicht so tiefe Raum ist mit Akten und Papieren vollgestopft. Die eleganten Bildschirme der hochmodernen Computer stechen wie exotische Exemplare aus dem etwas improvisierten Schreibstubenmief heraus. Gehe um zwei kleine Schreibtische herum und folge den anderen hinter einen alten Schrank, der rechts so an die Wand gestellt ist, dass er einen schmalen Gang freilässt. Hinter dem Schrank eine Tür, die mich direkt und übergangslos mitten ins wunderbar altmodischen Wohnzimmer der alten Dame führt. Die selten benutzten Möbel wirken zeremoniell, das Holz dunkel, fast Schwarz. Schon winken sie mich wieder hinaus, ach da ist ja der zementierte, halbüberdachte Hof, den ich schon kenne.

Der Tisch ist schon gedeckt, auf dem blumigen Tischtuch liegen verkehrt herum die obligaten Glasteller, durchscheinend bräunlichgelb, der Rand exakt über einfache, blecherne Messer und Gabeln gelegt – der launische Wind könnte ja irgendwelchen Schmutz hineinblasen. Sie werden nur vor dem Essen umgedreht. Auch diesmal reagiert der Papagei ungelassen. Zur Beruhigung füllt ihm die eine Köchin die Blechdose mit Paranüssen. Die knackt er eine hinter der anderen auf. Auch zu diesem Mittagessen trödeln so nach und nach die unterschiedlichsten Leute ein. Heute gibt es Acarí, eine Art schuppengepanzerter Urfisch. Die Fische werden gleich in zwei Variationen aufgetischt, einmal eingesuppt, einmal gegrillt. Dazu Reis und wieder weder Gemüse noch Salat. Keiner hier ist eine Schildkröte, die sowas frisst, wie man hier spöttisch sagt. Der Kopf des Fisches mit dem stumpfschwarzer Panzer wurde schon vor dem Kochen abgetrennt. Er besteht aus einem einzigen Stück abgerundeten, unten flachen Knochen mit zwei kreisrunden Augen- und Nasenhöhlen. Das Maul des Fisches findet man erst, wenn man den Kopf umdreht. Es befindet sich auf der Unterseite. Freundlich erklärt mir mein Tischnachbar, dass der Schuppenpanzer des Fisches am besten runter geht, wenn man einen Löffel darunterschiebt und das schwarze Ding damit gleich am Stück loslöst. Das freigelegte Fischfleisch, dunkelrosa, schmeckt wunderbar. Es gelingt mir allerdings nicht, den flachgepressten Fischkopf, er soll eine absolute Delikatesse sein, so auszulöffeln und auszusaugen, wie sie es alle um mich herum machen.

Als Nachspeise gibt es heute Açaí, wunderbar, mit oder ohne Zucker, Tapioca oder gar ganz altmodisch mit Farinha. Das ist nicht so exotisch wie die Bohne von gestern, Ingá, von deren Kerne ich das weiße, angenehm süßliche Fruchtfleisch herunternagte. Es gelingt mir erst, als mir jemand erklärt, dass es besser geht, wenn man es mit dem Messer einschneidet.

Überwältigende Gastfreundschaft, wunderbares Essen, das es höchstens in einer äußerst einfachen, populären Kneipe, vielleicht auf dem Markt, gibt. Weitschweifig ausholende Gespräche, die hochpolitisch sind, gleich hier am Tisch hochstrebend und auf einen Schlag die ganzen Probleme Brasiliens lösen, aber höchstselten konkrete Resultate zeigen, oder nur die Taschen lokaler Politiker füllen nach den Beispiel der neuen Hauptstraße. Die wird gerade Stück für Stück neu betoniert. Was für ein Luxus, aber Asphalt konstruiert nun mal keine Häuser…… .

Empregadas, deren Hautfarbe zwar auch getönt ist, aber nicht von schwarzem, sondern von Indioblut, eine weiße Elite, die alle Fäden und Schlüsselstellungen fest in den Händen hält, stehen für jenes amazonische Hinterland, eine Art Dinosaurier, das sich seit 50, vielleicht gar 100 Jahren fast nicht verändert hat und bis heute erfolgreich widersteht. Allerdings mischt eine neue politische Bewegung die Karten neu. Ein Volksreferundum soll nämlich darüber urteilen, ob man den Riesenstaat Pará in drei Staate teilen soll. Besonders für die hiesigen Politiker ein riesiges Geschäft. Denn es würde den ganzen Staatsapparat einfach verdreifachen. Hier sind alle dafür. Tapajós já! Tapajós gleich jetzt. Endlich würde dann das Zentrum, heute Belém, die Hauptstadt und damit auch das so heiß ersehnte Geld des brasilianischen Staates näherrücken. Die Verwaltungsmaschinerie in Belém sei so weit weg und so inkompetent, dass es ihr nicht gelänge, lokale Interessen wahr zu nehmen. Ob das die lokalen Politiker plötzlich könnten, die sich jetzt schon hungrig die Finger nach den Pfründen lecken, wird nur die Zeit zeigen. Persönlich zweifle ich daran. Denke, dass sie nur das schon bestehende System verdreifachen werden. Dass zwei der drei neuen Staaten schon defizitär zur Welt kommen würden, scheint aber hier keinen zu kümmern. Was wirklich interessiert ist das große Geld aus Brasília. Und das werden sie wohl auch um den Bart des heiligen Petrus verschlingen.

Der Ur-Zaun

September 4th, 2011

Primitiv, eine Art Ur-Zaun, die dicht an dicht gefügten Hölzer gefährlich schieflastig, von tausend Sonnen bis aufs Markt getrocknet und durchgelaugt, von ebenso vielen Regen silberaschgrau sauber und glänzendglatt bis aufs Holz runtergewaschen, bis zur Seele des Steckens gedörrt und vom Alter schief und brüchig, bilden sie, eins endlos hinter das nächste gereiht, Pfahl folgt Pfahl, Ast schmiegt sich an Ast, alle eine Handbreit in die arme, sandige Erde getrieben, eine Art Vorhang, eine improvisierte, behelfsmäßige Holzmauer rund um den Besitz. Still vor sich hinrottend, vergessen, irgendwo auf dem Land überleben noch einige von ihnen, alle in der so antiken Technik zusammengefügt. Stock für Stock mehr oder weniger zwei Finger dick, Ast neben Ast, Stamm an Stamm grob auf Überarmlänge zurechtgehackt, dickere und feinere, einer wie der andere schlecht entastet und entrindet, voller seitlich herausstechender Stümpfe, Knoten, Verzweigungen, aus wiederverwertetem Unter- und Abfallholz, aus allem, was so herumliegt, sich einigermaßen zurechtschneiden und brechen lässt, zusammengefügt. Kompakt und undurchlässig lassen sie weder Blick noch Tier hinein oder hinaus. Da, da vorne, unterbricht ein Eingangstor, auf die selbe, elementar einfache Weise zusammengefügt, endlich, die Klausur, das Abgeschottet-, das Ganz-für-sich-sein. Zum Öffnen oder Schließen muss man etwas nachhelfen, das eine Ende etwas hochheben, hier etwas anstoßen und gleichzeitig zu sich her ziehen, immer gut festhalten und schon ist der Weg frei. Nach dem Zurückschwingen nur noch den improvisierten Drahtring über den stämmigen Eckpfahl ziehen. Seitenwechsel. Man ist nun drinnen, beschützt, oder draußen, ausgegrenzt, ganz wie es einem beliebt.

Seefahrers erste Reise

August 5th, 2011

Die “Lady Christina”, was für ein klangvoller Name, sticht aus dem Hafen. Langsam rückt die abgeflachte Silhouette von Manaus weg, auch auf Distanz nicht viel mehr als eine modern-hässliche Allerweltsstadt. – Gott, wie unpraktisch! – Erst jetzt frage ich mich, wie ich denn nun meine Hängematte zwischen die andern aushängen soll???? Es gibt hier ja gar keine Hacken!!!! Meine erste Hängematte. Ich habe sie gestern erst gekauft und nicht gewusst, dass sie mit zwei starken Seilen hochgeknüpft werden muss! “Marinheiro de primeira viagem” – Seefahrers erste Reise, wie es so schön auf Portugiesisch heißt!

Wieder einmal kommt der ach so exotischen Ausländerin, zu allem noch allein reisend, Gott sei Dank, eine etwas priviligiertere Stellung zu. Wurde sie doch Dona Christina persönlich ans Herz gelegt, Chefin/Besitzerin des Schiffes. Die beiden Christinas, beide Ladys, flößen Respekt ein. Dona Christina kommandiert ihr Schiff mit starker Hand und rauher Stimme. Nun steht gerade klein, drahtig, blondiert und sonnengebrannt vor mir. Einer ihrer Männer zaubert von irgendwoher ein paar starke Seile hervor, die mein Gewicht wohl aushalten. Später sehe ich sie in allen Schiffszubehörläden an den Kais, in großen Bündeln prominent zur Schau gestellt: schon auf die richtige Länge zugeschnittene Hängemattenschnüre, lustig buntfarben.

Aber noch bin ich im Hafen. Ziehe mein Gepäck, eine Art langer Schweif, die endlose Rampe hoch. Unzählige bleichhäutige Kreuzfahrtpassagiere kommen mir entgegen. Potentielle Kunden für die MAKE UP YU U$D 8.00 – ein Karrikaturist. Er hat seine Zelte gleich im Hafengebäude aufgeschlagen. Hoffentlich sind seine Zeichnungen besser als sein Englisch. Noch eine Welle von ihnen, auch die mustern mich ungläubig – scheine eine von Ihnen zu sein, oder doch nicht? Mustere zurück: Sie tragen unisono, sowas trägt hier auch bei tropischen Regengüssen keiner, Plastikregenjacken. Endlich habe ich mich zum Fahrkartenschalter durchgefragt. Ja, die Informationen von gestern decken sich fast, nur dass ich etwas zu früh an Bord bestellt wurde. Die Schiffe hier sind pünktlich, was man von den Passagieren nicht sagen kann. So bestellt man sie halt eine Stunde zu früh. Wo aber ist denn das verflixte Schiff? Der Hafen ist ein einziges unübersehbar chaotisches Gewimmel. Winde mich zwischen aufgestapelter Fracht und riesigen Lastwagen durch. Unzählige Riesenschiffe liegen vor Anker, das Kreuzfahrtschiff, prächtig, weiter links. Nach dreimaligem Fragen sehe ich die “Lady Christina” endlich vor mir.

Aus der einen Stunde, die das Schiff später abfahren soll, werden dann schlussendlich zwei. Man habe mich am Fahrkartenschalter falsch informiert. Geduldiges Warten gehört zum Bootsfahren nun mal dazu. Was ist schon eine einzige Stunde, verglichen mit den 24 hin und den 18 her, die vor mir liegen? Zwar flößt mir die Hängematte noch etwas Respekt ein. Aber “Camarote”, Kabine ist viel, vielleicht fünf Mal so teuer. Außerdem seien die Überlebenschancen in den Kabine sozusagen geich Null, sollte es zu einem Schiffsunglück kommen ….

Später, Stunden später kann ich auch jene Frau verstehen, die im Zentrum unschlüssig um eine grellfarbene, schrecklich warme und schrecklich synthetische Decke, Made in China, feilschte. Der Straßenhändler will von einem Rabatt nichts wissen. Das alles bei über 35 Grad, die nachts höchstens auf 30 runterheizen. Das soll auf den Wassern anders sein, haben sie mir prophezeit. Wie krass die Diskrepanz zwischen –Schon-davon-gehört-haben- und -am-Eigenen-Leib-erfrieren- ist, kann ich nun selbst bezeugen. Dass die Nächte hier im Amazonas auf dem Festland zwar tropisch üppig und feuchtheiß sind, heißt nicht, dass sie es auf den Wassern ebenso sind! Der Fahrtwind und die unendlichen Wasser lassen die Grade empfindlich sinken. Wer dann zwischen sich und der feuchtkalten Luft nur eine Hängematte hat, ist um eine wohligwarme Decke mehr als froh. Schlimmer nur, wenn man nur noch einen der letzten Plätze ganz außen, exponiert und ganz ungeschützt von anderen Körpern, erwischt hat.

Also, Hängematte montiert, Gepäck verstaut, Geld und Wertsachen sicher auf dem Köper versteckt, Freundschaft mit den Belegern der Nebenhängematten geschlossen, gegen den Wind schon die Strickjacke übergezogen, nun das Schiff erkunden! Den Schiffshund, ein falbfarbener, muskulös-magerer, misstrauisch-bissigen Straßenköter, kenne ich schon. Zwar ist er nur mittelgroß, macht aber seiner Rolle als Wachthund alle Ehre. Sein Körbchen, eigentlich ein Plastikbecken, bequem mit ein paar Decken ausstaffiert, steht gleich unter dem Kommandotisch Dona Christinas. Auch er hat gegen den Zug und die Kühle der Nacht ein Mäntelchen abgekriegt. Spät in der Nacht höre ich ihn immer wieder, tap, tap, tap, nach vorne zum Kapitän gehen, oder an Land, um da seine kleinen und großen Geschäfte zu erledigen. Auf dem Komandotisch steht ein billiger Taschenrechner, daneben liegt ein offiziell aussehendes Buch, wohl das Schiffsbuch, eine unförmige Rolle Klebband, denen ein ockerfarbener Porzelanbuddha Gesellschaft leistet. Das riesige Schiff scheint gut unterhalten und somit vertrauenswürdig. Wer sich unter das das einfache Volk mischt, sich, statt zu fliegen, stunden, ja tagelang von riesigen Booten schaukeln lässt, soll vorsorgen: Ortskundige empfehlen gerne ein sicheres Schiff. Leider kommt es hier immer wieder zu Bootsunfällen. Schauergeschichten, zwei, dreifach über die erlaubte Kapazität hinaus überladene Boote, die festfahren, gar Schiffbruch erleiden, Tod und Leid hinter sich lassen.

Immer wieder werfe ich ein paar Blicken aufs endlose Wasser und die monoton vorbeigleitenden Ufer; ein einziger, endlos schmaler, grüner Strich. Zwischendrin vergnüge ich mich mit der Ladung, offen auf Deck aufgestapelt. Der Schiffsbauch quillt wohl schon über. Es gibt ein paar stattliche Autos. Nicht gerade die billigsten, gerne stellt man hier seinen hochbeinigen Luxuslandrover zur Schau. Daneben aufgetürmt alles, was man in einem gut ausgestatteten Supermarkt auch kaufen könnte. Insektenvertilgungsmittel, Waschmittel, Riesensäcke mit Mehl, Multikpackete Kaugummi, Fernseher, viereckige Rieseneierkartons randvoll mit Eiern, alles gleich im dreifachen Duzend, in starke Plastikumhüllungen eingeschweißt. Wohl nur Dona Christina und ihre Crew wissen, was welchem Empfänger zugedacht ist. Bodenfließen stehen neben Waschmaschinen, Milch im Tetrapack neben Wegwerfwindeln und Erfrischungsgetränken – auf die Errungeschaften der Zivilisation will auch hier draußen keiner verzichten. Nochmehr Ufer, monotone, schmal grüne Striche, ziehen vorbei, mal weiter, mal näher. Immer wieder hebt sich ein Baumriese aus den anderen hervor, eine Art Merkpunkt im endlos grünen, tellerflachen Meer. Da! eine der typischen Kirchen, hoch auf Stelzen gebaut. Im Jahresrhythmus steigen und fallen die Wasser, und keiner kann voraussehen, wie hoch sie dieses Jahr steigen werden. “Assembléia de Deus”, auch hier in den amazonischen Einöden ist man protestantisch-oder katholisch-fundamentalistisch geworden.

Da, was ist das? Das trübe, schlammbraune Wasser scheint plötzlich flecking, immer mehr klarere Striemen, riesige bläulichere Tupfer tauchen auf. “Encontro das Águas” – hier treffen klarere Wasser auf die trüben des Amazonas. Wir verlassen den Amazonas, schiffen schon bald in anderen, blaueren Wassern. Noch treiben die beiden nebeneinader her, mischen sich nur partiell, kilometerweit, bis sich dann endlich die klare Farbe durchsetzt. Das selbe kann man von den Himmeln nicht sagen. Seit lägerer Zeit schon verschließen sie sich, rücken zusammen. Schon wischen graue Regenstreifen, gleichförmig diagonale Striche, Land, Wasser, Himmel zu einem monotonen Braungrau zusammen. Ohne Hast werden die seitlichen, starkblauen Plastikplachen heruntergelassen. Noch mehr Leute ziehen sich in ihre Hängematten zurück. Auch ich versuche zu schlafen, was erstaunlich gut geht, besonders als ich mich noch in ein Stück Wachstuch einwickle, das eigentlich als Tischtuch gekauft wurde. Ein Souvernir, das mich später auf dem Küchentisch immer an diese Reise erinnern wird.

Das Essen, der “Rancho”, ein im Preis inbegriffener, sehr willkommener Unterbruch, ist etwas gewöhnungsbedürftig. Wie auf geheimes Kommando bilden sich zur Essenszeit geduldige Schlangen. Rücken äußerst langsam ins kleine Speisezimmerchen vor. Da werden randvoll gefüllte Teller ausgegeben. So randvoll, dass vom durchsichtigbraunen Glasteller fast nichts mehr zu sehen ist: Reis und Bohnen, dazu Nudeln und ein paar Stücke Fleisch, lieblos obenauf die Nudeln geschmissen. Daneben hart am Tellerrand Mayonäse. Die paar Gemüsestückchen drin sollen sie wohl zum Salat machen. Daneben starkgelbes Maismus. Auf geheimnisvollem Weg wird immer wieder unsichtbar aus dem Schiffsbauch Nachschub nachgehoben. Alle werden satt.

Ein ganz anderes Erlebniss aber das Frühstück, total den örtlichen Gegebenheiten angepasst. Dreierlei Früchte: Zwei eher kümmerliche Orangehälften, bis auf die weiße Haut heruntergeschält, fertig zum aussaugen. Winzige Bananen, die wunderbar schmecken und zwei kleine Scheiben Wassermelone. Dann tiefviolette Carás, eine der vielen Knollen, deren Geschmack von weitem an Kartoffeln erinnern und köstlich orangefarbene “Pupunhas”, eine lokale Palmfrucht, in Salzwasser weich gekocht, im Plastikbecher. Sie machen die Brötchen, labbrig, sicher tagelang in Plastiksäcken aufbewahrt, überflüssig. Dazu Kaffee und ein Stück übersüßen Maniokkuchen. Den wunberbar verkochten “Munguzá”, ein Brei aus ganzen, weißen Maiskörnern, hebe ich mir zum Schluss auf. Köstlich!

Plötzlich beginnt es überall zu rumoren. Hängematten werden aufgerollt, Gepäck herumgeschuppst, die steilen Leitern hinuntergeschleift. Der grasgrüne Boden des Schiffes ist in kürzester Zeit wie saubergefegt. Ansteckende Erwartung ergreift alle. Aha, wir nähern uns dem Ziel der Reise. Irgendwo aus dem Nirgendwo taucht dann auch prommt ein improvisierter Hafen auf. Unzählige Schiffe liegen vor Anker. Ein schwimmender Pier aus Eisen schiebt sich in die Wasser hinaus. Keiner hält es mehr aus an Bord. Kaum hat das Schiff auch nur behelfmäßig angelegt, springen ein paar Wagemutige auf den Pier, gleichzeitig wuseln, schieben und drücken muskulöse Gepäckträger durch alle Löcher an Bord. Ein einziges schieben, heben und drängen. Schwere Koffer werden über Bord gehieft bis dann endlich der Steg, nicht viel besser als eine Hühnerleiter, festgemacht ist. Endlich ergießt sich, ungeordnet und chaotisch, die ganze Menschenfracht auf die Kais. Taxifahrer schreien, preisen ihre Dienste an, packen ungefragt das Gepäck, um das sich schon Gepäckträger balgen. Verwandte und Bekannte fallen sich in die Arme, Kinder werden hastig von einer Hand zur nächsten weitergereicht. Keins gibt auch nur einen Ton von sich. Auch das unförmige Schlagzeug, das halbe Duzend Besen, der Blumentopf werden sicher an Land gehieft. Was für die einen Heimkommen ist, ist für mich der Beginn eines neuen Abenteuers. Good by, Lady Christina, bis zur Rückfahrt, Lady Christina! Hat sich gelohnt, Lady Christina!

Drachensteigen

Juli 29th, 2011

Juli ist Schulferienzeit. Da steigen im Amazonas die Drachen, hoch und noch höher in die blauen Himmel. Manche Jungen fertigen sie selber, andere kaufen die fragilen Dinger einfach. Wer gar kein Geld hat oder Geschick, lässt einfach eine Plastiktüte steigen.

Der Dolarschein

Juni 17th, 2011

Der winzige und stickig enge Krämerladen ist bis unters Dach vollgestopft. Meine Einkäufe türmen sich schon auf der wacklig improvisierten Theke gleich neben der Kühltruhe und der Kasse, als mich die Hand des Besitzers bannt. Sie hält einen seltsam unbekannten Geldschein, reibt ihn zwischen den Fingern, streicht ihn unentschieden glatt, hält ihn prüfend weit von sich, dreht und wendet ihn, um sich schließlich fragend an meinen Begleiter zu wenden. – Ist der echt? – Ja, doch, bei diesem Dollarschein scheint es sich nicht um eine Fälschung zu handeln. Es dauert, bis wir endlich merken, dass die Banknote entscheidender Teil eines komplizierten Handels ist. Schon wieder haut der Ladenbesitzer ein paar Zahlen in seinen Taschenrechner, hält ihn umgehend einem großen, stämmigen Japaner unter die Nase, haut ein paar andere Ziffern rein, die er lautstark auf Portugiesisch bekräftigt. Aha, es geht um ein Paar blumige Havaianas. Ein letzter Austausch von Zahlen via Digitalanzeige des Taschenrechners, von flinken Gesten unterstrichen, und der Handel scheint, vom Käufer zustimmend benickt, abgeschlossen.

Schon im Weggehen, in der Hand die Plastiksandalen und sichtlich zufrieden mit einem erfolgreichen Geschäft, bemerkt der vermeintliche Japaner unsere fragenden Blicke und wiederholt das portugiesische Wort: “Tripulação”, Bordbesatzung, wozu er bestätigend mit dem Kopf nickt, zu dem, was uns schon der Ladenbesitzer zuraunte. Der Mann, den wir versehentlich als Brasilianer japanischer Abstammung einschätzten, ist ein Mitglied der Besatzung des Kreuzfahrtschiffes da draußen, und jetzt, beim näher Hinsehen, wohl eher ein cleverer Chinese oder geschäftstüchtiger Koreaner. Fast ganz ohne Portugiesisch ist es ihm gelungen, für seinen sauer verdienten Dollar einen vorteilhafteren Wechselkurs herauszuschinden. Auf dem Schiff und auch hier auf Landgang sind reiche, ortsunkundige Touristen nun mal dazu da, ausgenommen zu werden. Besonders wenn sie sich einen Trip in die amazonische Karibik, nach Alter-do-Chão leisten können.

Sein Riesenkreuzfahrtschiff ankert, wie viele andere, weit draußen. Spuckt hin und wieder gelbe Schlauchboote aus, die ihre bleiche Touristenfracht am überdimensionalen Bootssteg ausschütten, von wo aus sie dann für eine halbe abenteuerliche und tropisch-heiße Stunde den stillen Flecken überschwemmen. So wie dieser bleichschnäblige Australier im kakifarbenen Tropenanzug und –hut, der fasziniert die reichen blumigen Kaskaden einer Bougainvillea, eine ach so amazonische Pflanzenart (!) fotografiert. Wie sollte er auch wissen, dass auch hier die Leute für ihre Vorgärten nichts lieber mögen als exotisch importierte Blüher, am besten in den strahlensten Farben, denn Blüten gibt es im immergrünen Dschungel halt fast keine. Mein Begleiter versucht dieses etwas schiefe Bild insofern zurechtzurücken, indem er ihn auf den wirklich original amazonischen Urucumstrauch voller reifer Samenkapseln aufmerksam macht, gleich auf der anderen Straßenseite, allerdings viel weniger farbenprächtig, respektive fotogen. Leider fehlt ihm die Courrage, es den lokalen Touristenführer nachzumachen. Die zerreiben ein paar Samen zwischen den Fingern und malen den erstaunt-entzückten Touristen gewagt tiefrote Farbstreifen auf die welken, rosa angehauchten Wangen. Dazu ist Urucum nämlich unter anderem da.

Und so wird der Lauf der Welt wohl bald auch den Amazonas eingeholt haben: ein echter Dollar, ein gefälschter Amazonas – und da soll es noch Leute geben, die das bedauern.

 

Bettwäsche

Mai 5th, 2011

Sie heißt Marinette und ist überaus effizient, kommt mit dem Fahrrad und hat schon wieder ein neues Handy. Viel mehr weiß ich nicht von ihr. Trägt, wie fast alle hier, den ganzen Tag, auch zur Arbeit, knappste Shorts und ein eng aufgeklebtes Miniblüschen. Auch dass sie die eher leichte, aber dem Klima angepasste Bekleidung schon einen Job gekostet hat, bringt sie nicht davon ab: Die neu zugewanderte Professorenfrau konnte den Augen ihres liebenden Ehemannes soviel Freizügigkeit nicht zumuten.

Schon nach ihrem ersten Arbeitstag sehe ich, dass sie sehr gut arbeitet. Hat mein Bett, bringe es bis heute nicht fertig, wie hier üblich, eine ganze Nacht in einer Hängematte zu schlafen, richtig schön gemacht! Bettwäsche und Moskitonetz – warum nur gibt es keine weißen mehr, nur rosa, hellgrüne und babyblaue? – sind zusammen straff unter die dünne Schaumgummimatratze gesteckt! Bemerke nur beim Zubettgehen, wie clever sie die scheinbar eher ungewohnte Aufgabe gemeistert hat: Beide Bettlaken, Ober- und Unterlaken sind, eins über das andere gelegt, rundum fest unter das Maträtzchen gestoßen. Da das obere Laken einen Spitzensaum hat, hat sie ihn kunstvoll hochgefaltet. Er bildet, am Fußende, (!) ein dekoratives Band – sicher hat sie ihr ganzes Leben lang, wie jeder hier, arm oder reich, immer in einer Hängematte geschlafen.

Als ich die fast trockene Wäsche vor dem nächsten Regen rette, lerne ich von Marinette, wie man auch fast ohne Wäscheklammern unseren riesigen Berg frisch gewaschener Wäsche zum Trocknen aushängen kann: Man nimmt die Wäscheleine doppelt, verdreht die beiden Seile vor dem Aushängen eng ineinander. Gehen einem dann die wenigen Wäscheklammern aus, öffnet man mit spitzem Fingernagel oder sonst welchem Geschick und etwas Kraftaufwand eine kleine Öffnung in den eng verdrehten Seilen. Steckt flink, bevor sie sich automatisch wieder schließt, geschickt ein Eckchen der zu trocknenden Wäsche dazwischen, das, streckt sich das Seil wieder, sicher eingeklemmt fest sitzt.

Somit sind wir sozusagen quitt.

 

Fast im Paradies

März 15th, 2011

Fast wähne ich mich im Paradies. Oder ist das hier ein Stück Europa im Dschungel? Weiße, hochbeinige Rinder, Nelore, eine Mischung europäischer und indischer Rassen, Weiden, dazwischen wie hingestreut ein paar Holzhäuschen, winkende Menschen, magere, aber glückliche Mistkratzer, ein schwarzrosa Schwein, zwei Straßenköter.

Schau mal, eine hölzerne Kirche! Zum Schutz vor den ansteigenden Wassern ist sie auf Pfählen errichtet. Quadratisch, rustikal, so liebevoll roh aus Brettern zusammengefügt, dass sie mit ihrer vorgesetzten Fassade eher an eine Theaterkulisse, einen Schattenriss, gar an ein potemkinsches Dorf als ein Gotteshaus erinnert. Daneben einige Häuser, auch auf Pfählen, Kanus und größere, bullige Schiffe mit flachem Kiel am Ufer verankert. Der Fluss schiebt sich träge dahin, stattlich. Hie und da eine reinweiße Landzunge, einsame Buchten mit blendenden Sandstränden. Irgendwo in Europa, wenn, ja wenn, da nicht dieses Paar träger Augen wäre. Augendeckel nur, gelbgrüne beschattete Sterne, die sich lautlos durchs Wasser schieben – ein Krokodil! Wir sind mitten im schönsten Stück des Amazonas, auf dem Tapajós bei Santarém. Die Jahreszeit ist die beste, werde ich belehrt, jetzt sind die Sandstände der Flüsse noch zu sehen, später, in der Jahresmitte, werden sie alle unter dem ansteigenden Wasserspiegel verschwinden.

Später, zu Wasser oder zu Land, treffe ich diese Urkirchen immer wieder. Scheinen sich irgendwie verblüffend ähnlich, eine der anderen abgeschaut, voneinander kopiert oder geklont, alle vom selben Baumeister gezeichnet und hochgezogen. Wie wenn eine zentrale Kirchenstelle für fast alle Kirchen des amazonischen Hinterlandes das selbe Muster, eine identische Form festgelegt hätte. Berührend schön, schmucklos, oft gar eindimensional. Wohl aber eher lokalen Handwerkern anvertraut, die in naiver Freiheit einfach jenes Gotteshaus nachbauen, das sie aus ihren inneren Bildern kristallisieren. Die charakteristischen Kirchtürme oft nicht mehr als eindimensionale Scherenschnitte, hoch aus der flachen Holzfassade herausgeschnitten, immer den Wassern zugewandt. Normalerweise zwei, manchmal gar drei Türme, immer von simpelsten Kreuzen überragt, einfach vor einen einfachen Quader, das Kirchenschiff, gestellt. Ihr kalkiges Weiß oder ausgewaschenes Blau hebt sich klar von den hohen, weiten Himmeln ab, an denen schon die nächsten Gewitter drohen. Kinderzeichnungen, Scherenschnitten gleich sind sie auf die allertypischsten Elemente reduziert, verzichten auf Vorsprünge, Balustraden oder andere dekorative Elemente, die ihnen etwas Tiefe oder Dreidimensionalität verleihen würden. Ihre Einfachheit und Rustikalität erinnert an Ex-votos, von rauen Händen gezimmert und kunstvoll mit ein paar Resten Farbe bemalt.

Plötzlich wie ein Theatervorhang fällt die Nacht herein. Schon länger haben wir angelegt. Die Hitze allerdings hat noch kein Grad nachgelassen, es ist gut möglich, dass sie die ganze Nacht durch anhält. Trotzdem beginnt sich das einfach gezimmerte, überlange Holzbänkchen vor der Kirche zu füllen, langsam, bedächtig. Noch einer schaut auf einen Schwatz vorbei, zum gutnachbarschaftlichen Abendgespräch. Die bloßen Füße in Zehensandalen, Bermudas und T-Shirts so weiß wie das schlohfarbene Haar. Auch im Halbdunkel markiert die Kirche Präsenz, stark und fest, auch wenn sie mit ihrer flachen, rechteckig schmucklosen Fassade mehr an eine Theaterkulisse erinnert, oder ein Potemkinsches Gotteshaus.

Einzig die beiden streng quadratischen Türme, die von zwei kleinen Kuppeln mit je einem Kreuz abgeschlossen werden, brechen die Eindimensionalität. In sie sind hoch oben vier kleine Rundbogen geschnitten, die sich am Fuß derselben, hier allerdings mit Fensterläden, wiederholen. Sie sind, wie das Mittelportal mit den blauen Türblättern, das die strenge Fassade dominiert, blau eingefasst. Das blaue Band läuft um die ganze Kontur der Kirche, hoch bis zu den Türmen, teilt das Fries zwischen den Türmen mit einer waagrechten Linie ab. Sicher wird das Gotteshaus für besondere Anlässe und Feiertage rundherum mit einer Lichterkette nachgezeichnet. Der Fuß der Kirche ist einen halben Meter hoch blau gebändert, ein schöner Kontrast gegen den weißen Kalk der Mauern. Einfachheit und rustikale Eleganz, welche klar maurischen Einfluss verraten, wenn auch brasilianisch barrock verfremdet, an Scherenschnitte oder mexikanische Kirchen erinnern. Zwischen den Türmen, über der blauen Linie, ein spitz zulaufendes, abgerundetes Fries. Es läuft leicht gewellt in einer flachen Spitze aus, auf dem ein weiteres Kreuz thront. Wie ein großer hochschmaler Mund dominiert das majestätische Eingangsportal die Fassade, hier von einem halbrunden Bogen überspannt. Rechts und links, schon in den Ecktürmen, noch zwei Fensterlöcher, fast über das Eingangstor geklebt, zwei blicklose Augen, noch zwei blinde Fensterchen.

Eine Strenge der Linien wird durch die Schlichtheit des Dorfplatzes, auf den sie ohne Formalitäten gestellt wurde, noch unterstrichen. Kein Grün, kein Schmiedeisen wurde verschwendet, um ihr etwas Herrschaftlichkeit zu verleihen. Nur ein paar einfache Treppenstufen führen ins Gotteshaus hinauf.

Ursprünglich und bodenständig ist sie, so wie das Bänkchen, nächtliches Zentrum und Treffpunkt der Einwohner, an einem jener ungezählten Tage in einem jener abgelegenen, amazonischen Dörfer, von der Moderne noch fast unberührt – paradiesisch, bis einem das Handy, das Fernsehprogramm oder der Computer wieder in die Realität zurückholt.

Die Unsichtbaren

März 15th, 2011

 

Gehören Sie zufällig zu den Liebhabern von Kaimanen, kleinen, wendigen, scharfzähnigen Krokodilen mit starren Augen, die man leicht als „böse“ vermenschlichen könnte? Mögen Sie hochbeinige Echsen? Keine smaragdgrünen Eidechsen, nein, drachenartige Urviecher mit Stacheln auf dem Rücken, die leicht die Größe eines mittleren Hundes erreichen? Wie wär´s mit einem glupschäugigen Chamäleon oder einer effektvoll behaarten „Aranha carangejeira“, einer Vogelspinne, gerade mal handtellergroß? Oder stehen Sie gar auf Riesenkackerlacken, Grillen und Amphibien? Ja? Dann sind Sie im Amazonas genau richtig. Denn diese putzigen Tiere werden Sie, anders als die so oft in Hochglanzprospekten beschriebenen Jaguare, Papageien oder Brüllaffen, problemlos finden. Seien wir nicht ungerecht – mit sehr viel Glück und Geduld wird Ihnen ein Delfin seine Springkünste zeigen und auch Ornithologen kommen ganz auf ihre Rechnung. Am populärsten allerdings sind schwarz gefiederte Aasgeier. Die größeren, so bewunderten Säugetiere sind, leider, leider, nachtaktiv und sehr scheu, konsequenterweise entsprechend schwer zu beobachten.

Wer des hautnahen Kontaktes mit der Natur in den Amazonas kommt, kann sich schon mal auf eine Vielzahl mehr oder weniger niedlicher kriechender und fliegender Zimmergefährten einrichten, auf Mücken, Käfer, Kackerlacken, Spinnen, Ameisen, Gottesanbeterinnen und Frösche, die einem, wohnt man nah am Wasser, ungefragt in Küche und Badezimmer hüpfen, fliegen oder krabbeln. Insekten rücken einem immer wieder auf den Leib, besonders Stechmücken mögen nichts lieber als ganz frisches, sozusagen neues, gar importiertes Blut. Die faszinierende Welt der Ameisen hat unzählige, emsige Mitglieder, es gibt sie in den unterschiedlichsten Größen, so winzig wie ein hier gedrucktes „i“ oder gefräßig und fingernagellang wie die Blattschneiderameisen. Keine Panik, Antimoskitospray gibt es überall und auch einheimisches Andirobaöl lindert den Juckreiz erfolgreich.

Nicht dass ich Sie vom Dschungelhotel abbringen will, aber die Aufzählung der Tierarten, man auf einer offiziellen Karte des Amazonasgebietes finden kann, ist doch überaus aufschlussreich: Es gibt hier viele Arten von Affen. Aber erwarten Sie nicht zu viel! Ganz weit weg schwingt sich vielleicht mal einer durch die Gipfel, ansonsten machen sie sich vor allem durch ihr an- und abschwellendes Gebrüll bemerkbar. Faultiere sind da schon zivilisationsangepasster. Manche Stadt im Hinterland hält sich auf dem zentralen Platz ein Faultier, eine Art Maskottchen, das hoch oben seine unendlich langsamen Bewegungen zelebriert, vielleicht gar ein Jungtier an den Bauch geklammert mitträgt. Auf Schifffahrten sieht man von den imponierend runzlighöckrigen Krokodilen oder den kleineren Kaimanen oft kaum mehr als die zwei unbewegten Augenpaare unter wulstig aufgeworfenen, ledrigstarren Augenbrauen, davor die tief eingegrabenen Nasenlöcher und ein Stück Schnauze aus dem Wasser ragen sehen. So perfekt getarnt, dass man manchmal meint, nur ein pittoresk geformtes Stück Holz vor sich zu haben. Nur die „Caboclos“, die bitterarmen Flussbewohner, haben schon gehört, gar selbst gesehen oder wenigstens aus zuverlässiger Quelle erfahren, wie eines dieser Schreckenstiere, vielleicht war es auch eine Riesenschlange, ein Kind, einen Hund, verschlungen, zerdrückt hat, schauerlich, konnte noch oder nicht gerettet werden. Nur um die, für die Touristen normalerweise perfekt unsichtbaren, Jaguare und Pumas ranken sich noch mehr Mythen und Aberglauben. Einfacher sind da die zwar auch äußerst scheuen Wasserschildkröten. Lassen sich bei der kleinsten Bewegung von ihrem Sonnenplatz sofort ins Wasser platschen, werden aber hie und da in großen Becken oder Tanks als eine Art Haustiere gehalten. Blau und rot gefiederten Papageien und die wunderschönen Tukane, deren Schnäbeln und Federkleid in den unterschiedlichsten Farben leuchten kann, kann man mit sehr viel Glück wirklich wild sehen. Gott sei Dank werden sie heute deutlich weniger angeringt oder mit gestutzten Flügeln als Haustiere gehalten, das ist illegal. Immer wieder trifft man kleinere, oft wunderschön bunte Vögel oder schillernde Kolibris. Graziöse, weiße Reiher gibt es überall, wo es Wasser gibt. Mit Glück kann man sie, wie ich, beim Einnachten von nah beobachten. Sie haben sich ausgerechnet einen viel umfahrenen Riesenbaum mitten in einer Kreuzung als Nachtquartier ausgesucht, direkt gegenüber einer Eisdiele. Von da kann man, ganz ohne Feldstecher, ihren eleganten Anflug und die Landung genau beobachten, inklusive einiger mit Schnäbelhieben ausgetragener Miesstimmigkeiten, wenn ein Artgenosse sich schon des Lieblingsastes bemächtigt hat. Pünktlich zum Sonnenuntergang fliegt der erste majestätisch an, und wenn die Sonne ganz untergegangen ist, ist das dichtgrüne Blattwerk des Baumes strahlend weiß gepunktet.

Nagetiere, wie die rundlichen, flinken „Cutias“, die wie doppelt so große Meerschweinchen aussehen, kann man in jedem Park frei laufend antreffen. Ameisenbären oder Capivaras sind da schon viel schwieriger. Die legendären, meterlangen Riesenwürgeschlangen oder gar die gefährliche Klapperschlange kenne ich nur vom Hörensagen. Leguane allerdings, wunderschöne, hochbeinige Echsen mit dem ewig langen Schwanz, den sie, Achtung, als Peitsche benutzen können, habe ich schon ein paar Mal angetroffen. Mein erster hat sich als Aufenthaltsort den Parkplatz der hiesigen Universität ausgesucht. Scharf kalkuliertes Risiko, denn sein Fleisch ist begehrt, es soll wie Hähnchen schmecken… . Auf der anderen Seite aber auch ein Vorteil, denn hier entfernen sie ihm hie und da eine der grauslichen, rosinengroßen Zecken, wie die, die er gerade am Hals mitträgt.

Wer sich für Schmetterlinge und Nachtfalter interessiert, kommt auch auf seine Rechnung. Handtellergroße Bläulinge wippen, auf- und zuklappend leise schwebend vorbei. Andere wiederum tarnen sich so gut, dass man die überpuderte Wellenzeichnung, die perfekt die Borke der Bäume imitiert, für Baumrinde hielte, würden sie nicht hie und da einer leise mit den Flügeln wippen. Manche Riesennachtfalter mögen weggeworfene Fruchtschalen, bestimmte Böden oder ganz einfach die grellen Blumen des Tischtuches. Als wahre Meisterin der Tarnung entpuppt sich allerdings die Gottesanbeterin. Man muss schon sehr gut hinsehen, dass das Gebilde, das aus ein paar willkürlich zusammengesetzten Ästchen besteht, einen Kopf hat und einfach davon fliegt. Diskret hält sich auch die handflächengroße Hauskröte, oder ist es ein Frosch? im Hintergrund. Das Bankett der vom Licht angelockten Insekten muss ihr/ihm wie Schlaraffenland erscheinen. Tausenderlei unsichtbaren Artgenossen wiegen uns in der Nacht mit ihrem überaus variantenreichen Quackkakofoniekonzert in den Schlaf. In den unterschiedlichen Tonhöhen quaken, schnattern, bellen, singen sie. Einer blökt gar fast wie ein Schaf. Was allerdings in unregelmäßigen Abständen über´s Dach holpert, polter und auch runterkugelt, sind „Gambás“. Hier im Amazonas als „Mucuras“ bezeichnet, Opossums, ein rattenartiges Nagetier, das seine Jungen in einer Gürteltasche nährt und schützt, und das sich nachts sehr zu vergnügen scheint.

Alle Arten von Fischen, einer schöner als der andere, „Pirarucú“, “Tucunaré“ und die berüchtigten fleischfressenden „Piranhas“, ein winziger Bruchteil nur der 1300 bekannten Arten, (in ganz Europa gibt es nicht mehr als 200 Arten) kann man sich, allerdings tot, auch auf dem Fischmarkt ansehen. Verpassen Sie auch den vorsintflutlichen Urfisch „Tamuatá“ nicht, dessen Schuppenpanzer an eine Ritterrüstung erinnert. Für die anderen Tiere lohnt es sich, einen der vielen Zoos zu besuchen, auch wenn man hier keine europäischen Ansprüche stellen darf.

Für Tiere, die in Gefahr sind auszusterben, gibt es interessante Studienprojekte – nur was man kennt, kann man schützen. Absolut faszinierend finde ich den bulligen „Peixe-boi“, die Seekuh. Ein riesig rundliches Säugetier in der Form eines Fisches. In sehr langen Abständen lässt er sich in seinem riesigen Tank sozusagen schwerelos an die Oberfläche treiben, steckt sein bulliges Bassetgesicht, allerdings ohne Hängeohren, aus dem Wasser, äst ein wenig vom großzügig ausgestreuten Wassergras und öffnet dann, ganz plötzlich, in der wasserdichten, grau glänzenden Schwarte zwei schwarze, abgrundtiefe Nasenlöcher! Atmet einmal durch und verschließt sie sogleich wieder, absolut wasserdicht und damit quasi unsichtbar. Sinkt, mühelos, gemütlich dick und rund wieder ab, so als ob sein Riesenkörper gar kein Gewicht hätte.

 

Das Messer

März 15th, 2011

Das Messer, gut eine Handspanne lang, gehört einem „Mateiro“. „Mateiro“ kann wohl wie Waldarbeiter, Waldmann übersetzt werden. Oft Analphabeten, für die Gesellschaft somit Ungebildete, stehen sie auf der streng hierarchischen Stufenleiter ganz unten. Sie sind es, die sich nach Samen bücken, den Weg freischlagen, oder andere körperliche Arbeit verrichten. „Mateiros“ sind eine Art Gehilfen, Gärtner, Mädchen für alles: Führer, Sachverständige, Träger. Jede Forschungsstation, jeder Biologe, alle, die im Dschungel forschen oder ihn als Touristen besuchen, irgendwie in ihn eindringen, sind auf sie angewiesen. Keiner wagt sich ohne ein paar solcher Männer hinein. Fahrlässig, ohne solch einen Spezialisten auch nur einen Fuß ins Dschungelgrün zu setzen. Sie werden einfach beim Vornamen gerufen, sind immer bereit, so wie dieser Mann hier, der sich gerade das ausgeblichene T-Shirt über den Kopf zieht, einen zähen, von körperlicher Arbeit durchtrainierten Oberkörper mit sehnigen Muskeln entblößt, die sich unter der olivenen, sonnenverbrannten Haut abzeichnen. Seine Bewegungen sind flink, von wieselhafter Schnelligkeit, haben etwas Katzenhaftes. Gerne hätte ich ihn auf einer Exkursion dabei, um zu sehen, wie er sich, wohl mit der selben Schnelligkeit und Geschicklichkeit, an aalglatten Palmenstämmen hochzieht, mir einen Weg freischlägt, auf eine, für uns alle unsichtbare, Schlange weist. Auch seine Gummilatschen stellt er zur Seite. Ignoriert ganz einfach den starken Regen, der sich gut eingerichtet hat, läuft sozusagen unter ihm durch und begibt sich, nur noch mit einer losen Bermuda bekleidet, ins Treibhaus. Bald ist sein dichtes, rabenschwarzes Haar total versuppt. Geht hin und zurück, holt mir die handspannenlangen Pflänzchen her, die ich aus der Erde nehme und für eine längere Reise jeweils zu zehnt in Zeitungspapier einwickle. Nur weil ich ausdrücklich darauf bestanden habe, und weil ich schließlich eine verrückte Ausländerin bin, darf ich hier Hand anlegen, mit sozusagen die Hände schmutzig machen – viel interessanter, als tatenlos herumzustehen, wie die beiden verantwortlichen, so wichtigen Chefs. Und schmutzig werden meine Hände wirklich. Stolz fotografiere ich nach getaner Arbeit meine Trauerränder, neben den mit Pflanzenschösslingen vollbepackten, eigentlich für Fische bestimmten, Riesenkisten aus Styropor. Der Nachschub ist kurzfristig unterbrochen und ich halte kurz inne. Da fällt mein Blick auf das Messer. Achtlos hingeworfen, bannt sein ungewöhnliches Design meinen Blick. Der Griff muss jemand aus einem rohen Stück Metall, einem Rohr vielleicht, selbst hergestellt haben. Habe schon gehört, dass sich Gefangene in unendlicher Kleinarbeit solche Mordsdinger zurechtbiegen und stundenlang an irgendwelchen Kanten scharf schleifen. Aber hier ist es wohl der „Mateiro“, der sich, der ewig verrottenden Holzgriffe leid, aus einem einzigen Stück währschaften Blechs einen neuen, dauerhafteren zurechtgeschnitten hat. Hat die Klinge darin eingespannt, das Blech um sie herum zu einem Griff eingerollt, was einige Geschicklichkeit voraussetzt. Die obere Hälfte des Griffes ist etwas breiter und flacher, sicher, damit es besser in der Hand liegt. Wage die Schärfe der Klinge, ein langschenkliges, scharf zulaufendes Dreieck, am Ansatz abgerundet, nicht zu überprüfen. Bin mir aber sicher, dass das Messer, in einem anderen Kontext, durch seine funktionelle, ursprüngliche Schönheit bestechen würde. Wie müßig – bewundere einmal mehr nicht nur die handwerklichen Fähigkeiten, sondern auch die Geschicklichkeit und Weitsicht solch einfacher Leute. Werte, die in der Welt derer, die so gut lesen und schreiben können, keinen Platz haben, nicht honoriert werden, untergehen, einfach unter den Tisch gekehrt werden.